Musical

Die Möglichkeiten der Märchenwelt

Dramaturgin Celina Larab im Gespräch mit Michael Bellmann (Musik) und Ralf Rühmeier (Text) über ihren Liederzyklus ALLES MÄRCHEN!


Die Masterclass ist im Gegensatz zur jährlichen Herbst-Produktion des Studiengangs Musical im Prinzregententheater ein Ausflug ins Off-Theater. Auf der kleinen aber feinen Bühne des Silbersaals im Deutschen Theater München können sich fünf der Masterstudierenden Musical ausprobieren und lernen, wie man auch mit wenig Budget gutes Theater machen kann. Passt ALLES MÄRCHEN! deshalb besonders gut in diesen Rahmen?

MB: Das Stück ist genau dafür konzipiert: mit wenigen Mitteln möglichst viel Theatralität zu erzeugen. Es braucht kein großes Bühnenbild, vieles entsteht durch Behauptung und den Zauber des Theaters. Gleichzeitig heißt das nicht, dass wir uns ALLES MÄRCHEN! nicht auch in einer größeren Produktion vorstellen könnten – davon träumen wir natürlich auch immer wieder.

RR: ALLES MÄRCHEN! funktioniert in dieser reduzierten Version ganz wunderbar, weil es keine große Handlung im klassischen Sinn gibt. Auch ohne großes Bühnenbild eröffnen wir mit jedem Song durch Musik und Text eine eigene Welt und erzählen darin eine eigene, in sich geschlossene Geschichte. Sehr schnell müssen wir klarmachen: Wer singt da? Was will diese Figur? Wo ist der Konflikt? Erst dann kann die Situation ins Komische oder Unerwartete kippen. Das ist für mich als Texter sehr reizvoll, weil man mit wenigen Strichen sehr präzise erzählen muss.

CL: Wie seid ihr überhaupt zum Musicalschreiben gekommen?

MB: Mich hat Theater schon als Kind fasziniert und ich habe früh angefangen, Musik zu schreiben. Ich hatte privaten Unterricht bei einem Komponisten, und mit 19 Jahren wurde eines meiner Stücke zum ersten Mal aufgeführt. Um noch mehr Musicalhandwerk zu lernen, habe ich zum Beispiel eine Masterclass bei Stanley Walden besucht. Er hat den Musicalstudiengang an der UdK und damit gewissermaßen einen Schwesternstudiengang zu dem an der Bayerischen Theaterakademie gegründet. Bei einer Masterclass von Edith Jeske haben Ralf und ich uns schließlich kennengelernt.

RR: Bei mir ging es auch schon früh los: Immer, wenn im Fernsehen gesungen wurde, leuchteten bei mir die Augen. Dann kam „ganz klassisch“ CATS, und meine Begeisterung für das Musical war entfacht. Irgendwann habe ich mich gefragt, wie schwer es eigentlich sein kann, selbst ein Musical zu schreiben – und habe einfach angefangen. Nach der besagten Edith-Jeske-Masterclass belegte ich weitere Workshops und Coachings, unter anderem bei Stephen Schwartz, Peter Lund, Marc Schubring und Wolfgang Adenberg. Weil es im Filmbereich einfach mehr Fortbildungsmöglichkeiten gibt, kamen außerdem Kurse an der Münchner Filmwerkstatt und der Masterschool Drehbuch in Berlin dazu. Mich hat immer interessiert, wie man mit einem Lied nicht nur eine Stimmung beschreibt, sondern eine kleine Geschichte erzählt.

CL: Und wie kam es dann zu ALLES MÄRCHEN!?

RR: Die Grundidee war eigentlich eine dramaturgische Übung: Wir wollten lernen, einen Song mit Spannungsbogen zu schreiben. Also keine Popsongs, die auf einer Emotion „stillstehen“, sondern Geschichten mit Anfang und Ende erzählen – mit Wendungen, Überraschungen und, ganz wichtig, Humor.

MB: Die ersten drei der Märchensongs haben wir dann 2013 erstmals bei der schreib:maschine gezeigt, später in verschiedenen Konzertformaten getestet und schließlich zu einem ganzen Abend weiterentwickelt.

CL: Warum gerade Märchenstoffe?

RR: Bei der Suche nach einem gut zugänglichen Thema stießen wir auf das Märchensujet und erkannten: Jede:r kennt Grimms Märchen, sodass sie sich leicht verfremden lassen und der Witz sofort verstanden wird.

MB: Das Stück ist dabei auch eine Liebeserklärung geworden: an Disney, an Märchen, an Theater selbst und an alte Musicaltraditionen. Musikalisch habe ich mich vor allem bei Cole Porter, Stephen Sondheim und Alan Menken inspirieren lassen. Wir haben bestimmte Stile und auch musikalische Klischees bewusst aufgegriffen, um sie dann weiterzuführen oder zu brechen. Mich interessierten bestimmte Stile vor allem deshalb, weil man mit ihnen spielen und Erwartungen brechen kann. Beim „Froschballett“ habe ich zudem die sogenannte MickeyMousing-Technik verwendet – also das musikalische Nachzeichnen von Bewegungen und Aktionen. So wird die Geschichte des Froschkönigs noch einmal auf ganz andere Weise erzählt.

CL: Im Stück tauchen auch Figuren auf, die nicht aus klassischen Märchen stammen. Wie sind diese entstanden?

MB: Anfangs haben wir mit Klischees und archetypischen Figuren gearbeitet und quasi eigene Märchen erfunden. Uns interessierte vor allem der Bruch bekannter Rollenbilder – etwa der „braven Prinzessin“. Die Königin der Nacht, Henker Helmut, Bernd der Bäcker – das sind alles keine Grimm’schen Märchenfiguren. Ergänzt haben wir diese neuen, unbekannten Figuren dann mit den klassischen Märchenfiguren, die jeder kennt. An denen führt natürlich kein Weg vorbei. Gleichzeitig waren sie schwieriger zu bearbeiten, weil es bereits unzählige Adaptionen gibt. Bei Aschenputtel haben wir deshalb versucht, eine neue Perspektive zu finden: Nicht Cinderella selbst steht im Mittelpunkt, sondern ihre Mutter, die im Original nur am Rand erwähnt wird. Darüber konnten wir plötzlich etwas Eigenes erzählen.

RR: Wir sind insgesamt sehr spielerisch an die Märchenstoffe herangegangen, haben in Märchenbüchern geblättert und gezielt nach Nebenfiguren gesucht – nach Menschen, die normalerweise nicht im Zentrum stehen. Genau dort lag oft der Witz. Und manchmal entstehen Figuren auch ganz zufällig: Für das Finale brauchten wir einen Reim auf „entfernt“, daraus wurde plötzlich „Bernd“ – und damit war Bernd der Bäcker geboren und brauchte einen eigenen Song. Seine Nummer gehört inzwischen zu meinen Lieblingssongs. Kreativität geht manchmal seltsame Wege. Aber wie im Märchen ist auch beim Schreiben alles möglich.