In Peter Handkes Theaterstück Kaspar, das am 25.3.26 unter der Regie von Yunus Wieacker Premiere feiert, erlernen die gleichnamigen Protagonisten das Sprechen – und mit dem Sprechen die Wirklichkeit. In welchem Zusammenhang stehen Sprache, Denken und Realität? Wie politisch ist Sprache? Und kann man sich ihr entziehen?
Dramaturgin Laura Tutondele Mahaniah im Gespräch mit Sprachwissenschaftler:innen Prof. Dr. Johanna Wolf und Dr. Jochen Hafner von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Tagung Umkämpfte Demokratien und der Kampf um ‚Wahrheiten‘: Macht(missbrauch) von Wort und Bild in der politischen Sprache, die sie mit Prof. Dr. Claudia Schlaak und Prof. Dr. Angela Schrott (beide Universität Kassel) an der LMU München leiteten, wurde von der Deutschen Stiftung Friedensforschung als Vernetzungsprojekt gefördert.
Umkämpfte Demokratien
LTM: Wie kam es zu dem Thema: „Macht(missbrauch) von Wort und Bild in der politischen Sprache“?
JW: Unsere Überlegung war, die Mechanismen, in denen wir als Gesellschaft Bedeutung, Werte und sogar Wahrheiten verhandeln, zu untersuchen. Die ‚eine Wahrheit‘ ist im Grunde nicht greifbar. Es gibt Fakten, die unverrückbar sind, aber die Wahrheit an sich wird verhandelt oder gemacht. Die Ausgangsbeobachtung war, dass politische Kommunikation heute immer seltener nur aus Sprache besteht. Dies ist zwar prinzipiell nicht neu, man denke an die Flugblätter der Frühen Neuzeit oder die Karikaturen des 18. und 19. Jahrhunderts, aber wir stehen gegenwärtig quantitativ wie qualitativ einer ganz neuen Größenordnung von Massenmedialität gegenüber. Öffentliche Debatten finden zunehmend in multimodalen Formaten, d. h. Formaten, in denen mehrere Ausdrucksformen gleichzeitig verwendet werden, statt: Memes, Karikaturen, Kurzvideos, Social‑Media‑Posts oder sogar immersive digitale Szenarien (360°-Medien, Virtual Reality) kombinieren Text, Bild, Ton und Inszenierung. Diese Ausdrucksformen werden immer prägender für die Wahrnehmung gesellschaftlicher Themen. Auch die Grenzen dessen, was in einer Gesellschaft sagbar ist, werden hier ausgehandelt und bestimmt – oft in strategischen Deutungskämpfen um Begriffe und Bilder. Gerade populistische oder extremistische Akteur:innen nutzen Text‑Bild‑Kombinationen gezielt, um Emotionen zu erzeugen, Narrative zu vereinfachen oder Gegner zu delegitimieren. Unser Projekt interessiert sich daher für die Frage, wie Sprache und Bild zusammenwirken, um politische Wirklichkeit zu konstruieren – und wann diese Macht in Manipulation oder Missbrauch umschlägt. Es heißt oft, dass etwas leichter transportiert wird, wenn ein Bild dabei ist. Aber durch Bilder können auch sehr viel besser Unwahrheiten erzählt werden.
LTM: Sie nennen die Sprache, mit der Sie arbeiten, „politische Sprache“. Gibt es eine unpolitische Sprache?
JH: Politische Sprache ist nicht nur die Sprache von Politiker:innen. Sie umfasst alle sprachlichen und medialen Formen, mit denen gesellschaftliche Wirklichkeit interpretiert, bewertet oder beeinflusst wird. Politische Sprache ist jede Form von Sprache, die Machtverhältnisse, gesellschaftliche Konflikte, öffentliche Entscheidungen, kollektive Identitäten beschreibt, thematisiert – aber eben auch beeinflusst oder missbraucht.
Politische Sprache wird nicht nur von den Akteur:innen in der Politik benutzt, sondern auch in Medienberichten oder eben in den sozialen Netzwerken. In diesem Sinne ist Sprache oft politischer, als wir denken. Selbst scheinbar neutrale Begriffe können politische Wirkung entfalten, weil sie bestimmte Perspektiven hervorheben und andere ausblenden.
Wir stellen unseren Studierenden bisweilen die Frage: Was, glauben Sie, war das am häufigsten verwendete Satzzeichen während der Naziherrschaft in Deutschland? Es kommt dann meistens die Antwort: das Ausrufezeichen. Wohl weil man mit ihm besondere Expressivität oder einen Befehlston in Verbindung bringt. Vielleicht auch, weil man die Bilder und Tonspur von Politikern des Nationalsozialismus erinnert. Die am häufigsten verwendeten Satzzeichen dieser Zeit waren aber, wie dies der von den Nazis verfolgte Romanist Victor Klemperer in seinem Werk Lingua Tertii Imperii (LTI), übersetzt Die Sprache des Dritten Reiches, beschreibt, einfache Anführungszeichen. Jene Satzzeichen also, mithilfe derer man sich distanziert von dem, was man sagt. Sie transportieren eine Idee wie etwa ‚der sogenannte xy‘ und eine extreme Distanzierung, die bis hin zu einer Entmenschlichung der bezeichneten Personen führen kann. Die Sprache wurde in dieser Zeit auch dadurch manipuliert, dass sie semantisch ausgehöhlt wurde. Ähnliche Tendenzen sehen wir teilweise auch heute.
Die impliziten politischen Werte und Perspektiven von Begriffen und Darstellungen werden noch deutlicher in multimodalen Formaten: Ein Bild, eine Bildunterschrift oder ein Meme kann eine politische Botschaft transportieren, ohne explizit politisch zu wirken. Gerade diese scheinbare Unauffälligkeit macht solche Kommunikationsformen besonders wirksam.
LTM: Welche wissenschaftlichen Felder sind in Ihrer Forschungsgruppe vertreten? Welche wären noch sinnvoll?
JW: Die Arbeitsgruppe arbeitet bewusst inter- und transdisziplinär. Vertreten sind unter anderem Sprachwissenschaften, Literaturwissenschaften, Medienethik, Medien-, Bild- und Kulturwissenschaften, Geschichts- und Politikwissenschaften sowie deren Fachdidaktiken.
Diese Disziplinen untersuchen gemeinsam, wie politische Kommunikation funktioniert und welche Rolle Sprache, Bilder und Narrative dabei spielen. Perspektivisch wäre es sinnvoll, noch stärker mit weiteren Bereichen zusammenzuarbeiten, etwa mit Sozialwissenschaften, Medienpsychologie und -pädagogik oder auch Informatik und KI-Forschung, um digitale Kommunikationsformen noch genauer analysieren zu können.
LTM: Welche Fragen haben die Gruppe bis jetzt am meisten interessiert? Welche Erkenntnisse waren besonders aufschlussreich?
JH: Wir hatten zunächst eigentlich drei inhaltliche Kernfragen: Wie funktionieren Text‑Bild‑Kombinationen in politischen Diskursen? Welche narrativen Strategien werden in unterschiedlichen Medien eingesetzt? Wie werden diese Strategien womöglich gezielt zur Desinformation oder Manipulation genutzt?
Als wichtiges Ergebnis können wir bisher festhalten, dass politische Wirkung oft nicht durch Text oder Bild allein entsteht, sondern gerade durch das Zusammenspiel beider Modi. Multimodale Kommunikation kann Bedeutungen verdichten, emotionalisieren und damit besonders wirkungsvoll verbreiten. In einem Bild, in dem ein kleiner Textbaustein erscheint, wird mehr ausgesagt als nur im Text oder nur im Bild. Die Bedeutung wird verdichtet und so auf einen Punkt gebracht. Man nimmt etwas auf einen Blick wahr und dann arbeitet es in einem. Und wenn Sie jetzt dieses Bild dann noch mit weiteren Modi ausstatten – mit Bewegung, mit Musik, mit Geräuschen – hat das noch weitere Wirkungen. Wir sind so gesteuert, dass wir holistisch, gesamtheitlich wahrnehmen, aber gleichzeitig im Unterbewusstsein eigentlich diese Vielzahl von Rezeptionssynapsen ganz unterschiedlich in uns arbeiten. Emotionale und visuelle Kommunikation beeinflussen politische Wahrnehmung oft stärker als Fakten allein.
In Zeiten digitaler Medien wird politische Kommunikation immer stärker strategisch gestaltet. Demokratie zu begreifen und sie zu schützen ist nicht nur eine Frage von Institutionen, sondern auch von Kommunikation. Wer verstehen will, wie Demokratie funktioniert – oder gefährdet wird –, muss in erster Linie verstehen können, wie wir sprechen, welche Bilder wir verwenden, wie wir mit Geschichte umgehen bzw. welche Geschichte(n) wir erzählen. Es geht zudem darum, erkennen zu können, wie Emotionen angesprochen werden und wie mit ihnen gearbeitet wird. Hier ist multimodale Kompetenz von immenser Bedeutung: Wer über sie verfügt, kann solche Manipulationen einordnen und entlarven. Diese Kompetenz ist also nicht nur eine akademische Fähigkeit: Sie ist Voraussetzung für eine funktionierende demokratische Öffentlichkeit und sie ermöglicht Teilhabe an der Gestaltung der Gesellschaft.
Kaspar, Sprache und Spracherwerb
LTM: In Peter Handkes Kaspar wird der sprachlose Kaspar zum Sprechen erzogen. Das Stück kulminiert darin, dass Kaspar nicht nur grammatisch richtige Sätze spricht, sondern auch bestimmte Ideologien wiedergibt. Kann jeder Spracherwerb als politischer Prozess betrachtet werden?
JW: Sprache zu lernen bedeutet auch, Deutungsmuster einer Gesellschaft zu lernen: Welche Begriffe werden verwendet? Welche Narrative sind verbreitet und wie werden Argumente aufgebaut?
Kinder lernen Sprache erst einmal in der Familie. Hier müssen sich die Kinder irgendwie verständlich machen. Spracherwerb geht immer darüber hinaus, Grammatik, Lexikon und Syntax zu erwerben, ja: er bedeutet immer auch, Kommunikationsvorgänge zu erlernen. Das beginnt mit basalen Dingen. Kinder sind von Anfang an in einer kleinen Diskursgemeinschaft, in der die Familie die kleinste Zelle ist. Hier bekommen sie selbstverständlich Deutungsmuster mit. Ich stelle bei mir zum Beispiel fest, dass ich Redewendungen meiner Eltern reproduziere, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie jemals benutze. Wir lernen bestimmte Konstruktionen, wir benutzen bestimmte Wendungen: Unsere Sprache ist von vornherein beeinflusst von den Diskursgemeinschaften, in denen wir uns bewegen. Und so füllen wir natürlich auch unsere Begriffe mit Bedeutung, auch Begriffe wie Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Nation etc. Diese Begriffe sind nicht neutral, sondern unterliegen gesellschaftlichen Deutungen. Insofern ist Spracherwerb immer auch Teil politischer Sozialisation – und er hängt stark davon ab, welchen Input wir bekommen, mit wem wir diskutieren, wer uns beeinflusst.
Hier ist es besonders wichtig, auf die Rolle der Schulen hinzuweisen, bzw. die Rolle jener Institutionen, die Bildungen vermitteln. Denn sie sind die Orte, wo man Denkmuster schärfen oder zur kritischen Reflexion stellen kann, wie es zu Hause vielleicht nicht passieren würde. Eigentlich ist die Schule der allerkleinste demokratische Ort. In der Schule müssen Kinder Demokratie lernen, auch in ihrem Kommunikationsverhalten, denn dort kommen Leute zusammen, die sich im richtigen Leben womöglich niemals begegnen würden.
Die Personen, die im Klassenzimmer miteinander auskommen müssen, sind oft die, die sich im richtigen Leben vielleicht aus dem Weg gehen würden, um nicht zu kommunizieren oder keinen Konsens aushandeln zu müssen. Deswegen sind Schulen der ideale und natürliche Lernort demokratischer Prozesse.
JH: Es kommt noch hinzu, dass wir beim Spracherwerb nicht nur lernen, wie Sprache funktioniert, sondern auch, wie wir sie verwenden. Wir lernen, wie wir Sprache einsetzen können, müssen oder sollen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Jetzt, wo wir uns an diesem medialen Switchpoint befinden, ist es wichtig, dass in den Schulen gelernt wird, wie mit den neuen medialen Kommunikationsbedingungen geschult umzugehen ist. Die hochkomplexen Zusammenhänge zwischen Sprache und Bild und die Gefahr einer Manipulation, die dahintersteckt, müssen uns bewusst sein. Ansätze für einen Medienunterricht schon ab den ganz frühen Schuljahren werden derzeit in Deutschland diskutiert, nicht zuletzt auch deshalb, weil leider immer mehr Kinder schon sehr früh in ihrem Leben Opfer von Cybermobbing und Schlimmerem werden.
LTM: Eine Hauptüberlegung unserer Inszenierung orientierte sich an dem Gedanken von Ludwig Wittgenstein, dass wir die Welt nur so weit wahrnehmen können, wie die Sprache es erlaubt. Sie geht davon aus, dass sich Kaspars Verständnis von sich selbst und von der Welt nur dann entwickelt, wenn er Sprache erlernt. Inwieweit hat die Sprache diese Macht, uns in unserer Welt zu situieren – kann die Sprache die Wahrheit gestalten?
JW: Wahrheit entsteht nicht unabhängig von uns, sondern wird in sozialen und sprachlichen Aushandlungsprozessen konstruiert. Was wir als wahr verstehen, hängt stark davon ab, aus welcher Perspektive wir sprechen und welche sprachlichen Mittel uns zur Verfügung stehen. Damit wird die Existenz objektiver Wahrheiten auch infrage gestellt und Sprache wird zum zentralen Medium, durch das unterschiedliche Deutungen der Realität verhandelt und hervorgebracht werden. Sie schafft also nicht nur Zugang zur Wahrheit, sondern formt und konstruiert sie zugleich – je nachdem, wer spricht, aus welcher Perspektive gesprochen wird und welche Bedeutungen sich im Austausch durchsetzen.
JH: Auch das Sagbare wird gesellschaftlich verhandelt. Dabei stellen sich Fragen wie: Wie kann ich über etwas sprechen? Was darf man sagen (und was nicht)? Oft werden genau diese Fragen in den Narrativen der Populist:innen und Extremist:innen thematisiert. Es wird dann gesagt, dass hier keine Meinungsfreiheit bestünde, weil bestimmte Dinge, die jenseits der Grenze des Sagbaren liegen, tabuisiert sind. Das ist eine völlige Umkehr des gesellschaftlichen Konsenses der Nachkriegszeit, nämlich Sprachmuster des Faschismus möglichst zu vermeiden. Wir erleben die Zeit eines Aufbruchs, in der neue ‚Wahrheiten‘ gesetzt werden, über die man jetzt auch plötzlich wieder sprechen soll (oder darf oder muss oder kann).
JW: Es beginnt damit, dass Ereignisse, die für uns in der deutschen Geschichte so wirkmächtig sind, dass wir kaum Worte dafür finden können, klein gemacht werden, indem sie mit anderen Ereignissen gleichgesetzt werden. Die wiederholte und ständige Verharmlosung eines Tabus führt dazu, dass sich die Grenzen des Sagbaren verschieben. Selbst wenn man diese Begriffe aufnimmt, um sie zu entlarven, und diese dann viral gehen, sind sie trotzdem in aller Munde. Sie schleichen sich, wie Elisabeth Wehling es ausdrückt, buchstäblich auf leisen Sohlen in die Gehirne und werden alltäglich.
LTM: In unserer Inszenierung erscheinen mehrere Kaspare, die eine Weltordnung verwirklichen. Dabei müssen sie nicht nur als Individuen mit der Sprache zurechtkommen, sondern auch untereinander im Austausch bleiben. In Umkämpfte Demokratien betrachten Sie die Rolle des sprachlichen Austauschs in der Demokratie. Was genau hat die Demokratie mit der Sprache zu tun?
JH: Demokratie ist ohne Sprache nicht möglich, sie lebt von Diskussionen und Diskursen. Politische Entscheidungen entstehen aus öffentlichen Aushandlungen darüber, wie wir gesellschaftliche Wirklichkeit verstehen und welche Werte wir vertreten. Wenn jedoch bestimmte Narrative oder Bilder dominieren, kann sich die Balance im Diskurs verschieben. Strategisch eingesetzte multimodale Kommunikation kann demokratische Prozesse stärken, sie aber auch untergraben. Deshalb ist es entscheidend, dass die Menschen erkennen können, wie politische Botschaften funktionieren – besonders dann, wenn sie als scheinbar einfache Bilder, nur scheinbar humorvolle Memes oder emotional wirkende Visualisierungen auftreten. Die Qualität einer Demokratie hängt stark von der Qualität ihrer öffentlichen Sprache ab.
LTM: Da unsere ersten drei Kaspare ihr erstes Sprechen in unterschiedlichen Umwelten erlernen, verwenden sie die Sprache zunächst unterschiedlich. Es kommt zum Konflikt, da sie ihre Realitäten nicht ordnen können, bis sie die Sprache vereinheitlicht haben. Kann ein erfolgreiches demokratisches System existieren, wenn mit ganz unterschiedlichen Verständnissen von Begriffen gearbeitet wird?
JH: Meinungspluralität gehört zum Wesen der Demokratien. Die Frage ist aber: Was ist das gemeinsame Ziel, oder: Gibt es dieses gemeinsame Ziel überhaupt noch in den sich wandelnden Gesellschaften?
JW: Wir handeln aus, was unser kommunikativer Haushalt ist. Wir legen gemeinsam Grenzen fest, benennen Dinge, die zu unserem kollektiven Gedächtnis gehören. Wenn wir es nicht mehr schaffen, uns darauf zu verständigen, erodiert die Demokratie. Das Ziel von extremistischen Bewegungen ist immer, dass wir uns nicht mehr auf Dinge einigen können, die wir für das Rückgrat unserer Gesellschaft halten. Ist die Spaltung und Uneinigkeit in einer Gesellschaft so weit gediehen, dann wird es einfach, dass eine Person plötzlich bestimmen kann, wie wir zu denken und was wir zu tun haben, und dann kann eigentlich erst die ‚Gleichschaltung der Gesellschaft‘ funktionieren.
LTM: Ein Zitat von Handke lautet: „Das ‚Glas der Sprache‘ sollte endlich zerschlagen werden. Durch die Sprache kann nicht einfach durchgeschaut werden auf die Objekte.“ Ich sehe hier eine Ähnlichkeit zu dem, was Sie fordern, nämlich kritische Diskursfähigkeiten.
JW: Das ist auch das Wittgenstein-Zitat: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“ Das trifft unsere Überlegungen sehr gut: Da, wo ich begrenzt bin – mit sprachlicher Interkommunikation, im Austausch, im Aushandeln –, da hört meine Welt auch auf.
JH: Es geht nicht darum, dass Medien per se schlecht sind, sondern dass man eine Pluralität der Medien als Grundlage hernimmt, nicht nur einen Kanal. Man könnte an dieser Stelle unzählige Beispiele einer Meinungsvielfalt zitieren, die eine Medienvielfalt repräsentiert. Die Konsumenten der Medien sollen sich dann idealerweise ihre eigene Meinung bilden. Die Bevorzugung bestimmter Kanäle einerseits, die Ablehnung bestimmter Medien andererseits ist eine auch gesellschaftlich bedingte Herausforderung.
Sprache und Theater
LTM: Im Theater verdichten sich Sprache, Bild und leibliche Erfahrung – was kann das Theater aus Ihrer Forschung mitnehmen?
JW: Das Theater ist eigentlich ein historisch frühes Beispiel dessen, was wir heute multimodale Kommunikation nennen. Auf der Bühne wirken Sprache, Bild, Körper, Raum, Musik und Emotion gleichzeitig zusammen. Bedeutung entsteht also nicht nur durch Worte, sondern durch das Zusammenspiel vieler Ausdrucksformen als eine Gemeinschaftserfahrung.
In diesem Zusammenhang ist es interessant, an Friedrich Schiller und seinen berühmten Text Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet zu denken. Schiller beschreibt das Theater als eine „moralische Anstalt“, also als einen Ort, an dem gesellschaftliche Fragen sichtbar gemacht werden. Auf der Bühne können Konflikte, Machtstrukturen und moralische Dilemmata dargestellt werden, sodass das Publikum sie reflektieren kann.
Genau hier gibt es eine interessante Parallele zu unserem Projekt: Auch wir untersuchen, wie Darstellungen – sprachlich und visuell – gesellschaftliche Wirklichkeit formen. Theater kann dabei etwas leisten, was analytische Forschung allein nicht kann: Es kann diese Mechanismen erfahrbar machen. Wenn eine Inszenierung etwa zeigt, wie Sprache manipulativ eingesetzt wird, wie Bilder Emotionen steuern oder wie politische Narrative entstehen, dann wird sichtbar, wie Macht mithilfe von Kommunikation funktioniert.
In diesem Sinne erfüllt Theater weiterhin eine demokratische Bildungsfunktion, die Schiller bereits beschrieben hat. Es kann das Publikum dazu anregen, politische Sprache, Bilder und Narrative kritisch zu hinterfragen. Gerade in einer Zeit, in der politische Kommunikation stark über multimodale Medienformate funktioniert, kann das Theater ein Ort sein, an dem diese Mechanismen künstlerisch offengelegt, reflektiert und diskutiert werden.
LTM: Wie unterscheidet sich die Sprache im Theater von der in unserem Alltag?
JW: Die Sprache im Theater ist immer schon interpretiert. Wenn wir ins Theater gehen, nehmen wir sie anders wahr: Nicht mehr wir selbst „hören“ den Text unmittelbar, sondern wir begegnen einer bereits gestalteten und gedeuteten Sprachform. Wir folgen der Wahrnehmung anderer, die den Text sprechen und ihm Bedeutung verleihen. Der Sprachgebrauch ist also nicht mehr vergleichbar mit der individuellen Lektüre einer Reclam-Ausgabe, bei der ich im Inneren mit mir selbst spreche und die Sprache gleichsam erst zum Leben erwecke. Im Theater hingegen ist sie bereits lebendig – interpretiert durch diejenigen, die sie auf der Bühne hervorbringen. Unsere Wahrnehmung wird dadurch von vornherein gelenkt.
LTM: Als die Kaspare lernen, dass ihre vereinheitlichte Wirklichkeit auch eine unmögliche Einheitlichkeit von Leistungen verlangt, versuchen sie, dieser geteilten Wirklichkeit zu entkommen. Sie suchen nach einer Sprache, die sich der Weltsicht entzieht, und wollen dabei die Sprache vom Diskurs trennen. Halten Sie dieses Ziel für möglich?
JW: Sobald wir sprechen oder die Sprache brauchen, sind wir immer in einem Diskurs. Es ist nicht sinnvoll, die beiden Begriffe voneinander zu trennen. Die Sprache, die ich in meinem Sein verwende, ist immer auf Kommunikation aus. Der Satz von Paul Watzlawick „Man kann nicht nicht kommunizieren“ ist also durchaus zutreffend.
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